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Armeniens Aussenminister kritisiert die Türkei scharf und misst
dem Schweizer Antirassismusgesetz hohe Bedeutung bei
NZZ am Sonntag: Der Genozid an den Armeniern ereignete sich
vor 90 Jahren - trotzdem ist er derzeit täglich in den europäischen
Medien präsent. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Vartan Oskanian: Weil die Tatsache, dass ein Völkermord
seit 90 Jahren geleugnet wird, nicht nur für das betroffene
Volk ein Thema ist, sondern für die ganze Menschheit. Auch
im 21. Jahrhundert können sich Genozide ereignen, in Afrika
oder anderswo. Um das verhindern zu können, ist es wichtig,
dass frühere Völkermorde anerkannt und verurteilt werden.
Was bedeutete die Geschichte Ihres Volkes in Ihrem persönlichen
Leben?
Als Aussenminister vertrete ich die Nation, die Opfer dieses Genozids
wurde. Darum habe ich die moralische Verpflichtung, auf eine Verurteilung
dieses Verbrechens hinzuwirken. Als Mensch bin ich betroffen, weil
ich aus der armenischen Diaspora stamme. Ich wurde 1955 in Syrien
geboren und wuchs dort auf mit den Erzählungen meiner Grosseltern
und denen vieler anderer Armenier, die aus der Türkei deportiert
wurden und zu Fuss durch die Wüste fliehen mussten. Dass diese
Geschehnisse und Erinnerungen meines Volkes von der Türkei
bis heute nicht verurteilt und nicht einmal anerkannt werden, bedeutet
faktisch eine Fortsetzung des Genozids. Als Aussenminister habe
ich aber die Aufgabe, in die Zukunft zu blicken und zu versuchen,
mit der Türkei normale Beziehungen zu etablieren.
Die Türkei schlägt eine gemeinsame Historikerkommission
vor, um die Frage zu klären. Was sagt die Republik Armenien
dazu?
Wir können diesen Vorschlag nicht ernst nehmen: Erstens verschweigt
die Türkei, dass unser Präsident Robert Kotscharjan dem
türkischen Premier Erdogan längst geantwortet hat. Zweitens
stellt der Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes nach wie
vor all jene unter Strafe, die den Begriff Genozid auch nur in den
Mund nehmen. Drittens verweigert die Türkei die Aufnahme diplomatischer
Beziehungen und weigert sich sogar, die Grenze zu Armenien zu öffnen.
Unter diesen Umständen eine solche Kommission vorzuschlagen,
ist unlauter.
Was schlägt denn Armenien vor?
Unser Präsident hat Erdogan mitgeteilt, dass Armenien bereit
ist zum Gespräch, sobald die Grenzen geöffnet werden und
sobald es bilaterale Beziehungen gibt. Wenn dies der Fall ist, kann
eine intergouvernementale Kommission diese Frage diskutieren.
Könnte die Schweiz hier vermitteln?
Viele Länder haben schon zu vermitteln versucht. All diese
Versuche scheiterten aber an den fehlenden Beziehungen zwischen
der Türkei und Armenien. Zuerst muss die Türkei dieses
Hindernis beseitigen.
In der Schweiz ist ein Anti-Rassismus- Artikel in Kraft, der die
Leugnung von Genoziden unter Strafe stellt. Bundesrat Christoph
Blocher hat diesen Artikel scharf kritisiert. Was sagen Sie dazu?
Ich möchte die Aussagen Ihres Justizministers nicht kommentieren.
Armenien mischt sich nicht in die schweizerische Gesetzgebung ein.
Wird Armenien auf Blochers Aussagen diplomatisch reagieren?
Nein.
Nun hat auch Frankreichs Parlament ein Gesetz beschlossen, das
die Leugnung des Genozids unter Strafe stellt. Sind solche Gesetze
ein guter Ansatz?
Die Anerkennung des Genozids ist für uns nicht ein Ziel an
sich. Armenien hat auch kein Interesse daran, die Türkei zu
erniedrigen. Wir wollen aber das Hindernis, das die türkische
Leugnung darstellt, eliminieren. Nur so kann es normale bilaterale
Beziehungen und eine Aussöhnung geben. Ob das französische
oder das schweizerische Gesetz ein guter Ansatz ist, ist schwierig
zu sagen. Es gibt aber noch einen anderen Blickwinkel.
Nämlich?
Nachdem der Genozid seit so langer Zeit geleugnet wird, ist die
Anerkennung durch das französische und das schweizerische Parlament
für uns grosse Genugtuung. Es ist auch eine normale Reaktion
auf die offizielle, aggressive Leugnung des Völkermordes durch
den türkischen Staat. Man darf nicht vergessen, dass die Türkei
sogar versucht, ihre Ideologie des Leugnens zu exportieren. Die
Türkei hat das englische, das russische und andere Parlamente
aufgefordert, die türkische Haltung zu übernehmen.
Kritiker sehen durch solche Gesetze die Meinungsfreiheit gefährdet.
Ich bin einverstanden, dass die Geschichte normalerweise nicht
in Gesetzen festgeschrieben werden sollte. Aber wir sind nicht in
einer normalen Situation, weil die Türkei selber die Erwähnung
des Genozids gesetzlich untersagt. Gesetze wie das französische
oder das schweizerische haben mehr symbolische Bedeutung. Frankreich
insbesondere schickt damit eine Botschaft an die türkische
Regierung. Diese lautet: «Wenn ihr der EU beitreten wollt,
könnt ihr nicht weiter eure Geschichte leugnen.»
Der Literatur-Nobelpreis ging an den türkischen Schriftsteller
Orhan Pamuk, der den Genozid ebenfalls anerkennt. Was bedeutet dies
in Ihren Augen?
Armenien begrüsst den Entscheid des Nobelpreis-Komitees sehr.
Die intellektuelle Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der Orhan
Pamuk solch schwierige und schmerzvolle Fragen der nationalen Identität
angeht, sind der richtige Weg für die Zukunft.
Interview: Markus Häfliger
«Die Anerkennung des Völkermordes durch das schweizerische
Parlament ist eine grosse Genugtuung.»
Armenien im Fokus
Der türkische Genozid an den Armeniern im Jahre 1915 ist derzeit
hochaktuell: Am 4. Oktober erntete Bundesrat Christoph Blocher Proteste,
weil er kritisiert hatte, dass zwei Türken wegen Leugnung des
Genozids von der Schweizer Justiz verfolgt werden. Am 12. Oktober
beschloss die französische Nationalversammlung, die Leugnung
des Genozids unter Strafe zu stellen. Gleichentags erhielt der türkische
Autor Orhan Pamuk, der den Genozid anerkennt, den Literaturnobelpreis.
(hä.)
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